Installationsansicht, fiac (off)icielle, Paris

Dingzihù

Video- und Soundinstallation 2014

 

Tänzer: Iker Arrue

Kontrabass: Markus Fischer

Saxophon: Christian Kobi

recording, sound design, mix: Hans Peter Gutjahr

 

Der Titel der Installation – 钉子户 | Dingzihù – heisst übersetzt Nagelhaus und meint ein Gebäude, dessen Besitzer sich weigern, ihr Heim für einen Neubau, meistens größere Gewerbegebäude, zu verlassen. Diese ruinenhaften Gebäude bleiben gleich einem eingeschlagenen Nagel in der Mitte einer bereits modernisierten Umgebung stehen und zögern ihren endgültigen Abbruch heraus. Es herrschen slumartige Zustände, und die meisten BewohnerInnen dieser Stadtviertel leben am Existenzminimum. Dieses Dilemma in der Stadtentwicklung sowie die von China angestrebte, zunehmende globale Vormachtsstellung und der damit verbundene problematische Modernisierungsprozess haben mich herausgefordert, eine künstlerische Arbeit an ebendiesem Schauplatz zu machen, an dem sich verschiedene Konfliktsituationen, Weltbilder und Epochen überblenden.

 

Die Installation, die aus drei Projektionen und drei Geräuschebenen besteht, zeigt eine Serie von Eindrücken aus einem dieser zerstörten Quartiere in Shanghai, China. Ein Mann bewegt sich durch die Trümmerfelder und tanzt in ihnen. Die Bewegungsabläufe des Tänzers sind eine Choreographie von Iker Arrue. Seine Bewegungsstudien beziehen sich auf die Figur und die Gedanken des österreichischen Neurologen, Psychiaters und Begründers der Logotherapie Viktor Frankl (1905-1997), der den Holocaust überlebt hatte. Die Choreographien sind als eine Versuchsanordnung gedacht, um Werte und Zwecke des Menschseins zu untersuchen; insbesondere um die existentiellen Erfahrungen des Leides und der Hoffnungslosigkeit zu reflektieren und auf diese Weise gesellschaftliche Ideale in Zweifel zu ziehen.

 

Wir geben den Überlebensstrategien von Viktor Frankl einerseits und den Ruinenfeldern Shanghais andererseits einen gemeinsamen, hybriden ästhetischen Raum. Die Installation möchte eine metaphorische Brücke zwischen diesen beiden historischen Ereignissen erstellen, während Sie unsere eigenen Ideale in Frage stellt. Die Installation wird begleitet von Klangaufnahmen derselben Umgebung, sowie von musikalischen Improvisationen der Musiker Markus Fischer (Kontrabass) und Christian Kobi (Saxofon). Die Ausstellung soll aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und gehört werden. Daher werden die drei Projektionen auf verschiedenen Raumebenen gezeigt und in einer ganz bestimmten Art und Weise angeordnet. Diese verschiedenen Perspektiven fordern den Betrachter dazu auf, sich im Raum zu bewegen und mit den Bildern und Klängen der Installation zu interagieren. Auf der Klangebene nehmen wir eine virtuelle Realität wahr, die die reale Umgebung des Tänzers sowie seine Gedanken, Gefühle und Empfindungen spiegelt; insbesondere seinen Blick auf die Trostlosigkeit und Einsamkeit seiner Umgebung.

 

 

 

钉子户 | Dingzihù, the title of the installation translates as “nailhouse”, meaning a building whose owners refuse to leave the house in favour of a new building, in most cases a bigger commercial building. These ruinous houses stick like nails in the midst of already modernised surroundings, delaying their certain demolition. Living conditions are slum-like, and most of the inhabitants live in poverty. This dilemma of urban development, China’s intended global supremacy and the problematic process of modernisation linked to it have driven me to develop an artistic work in this very location, where different conflict-situations, worldviews and eras overlap.

 

The installation that consists of three projections and three sound layers shows a series of impressions from one of these destroyed areas of Shanghai, China. A man is seen moving through a derelict area, dancing. The dancer’s movements and the choreography were conceived by Iker Arrue. His studies of movements refer to the figure and thoughts of the Austrian neurologist, psychiatrist and founder of logotherapy, Viktor Frankl (1905-1997), a survivor of the Holocaust. The choreographies are supposed to be an experimental layout, trying to analyse values and purposes of humanity; especially to reflect the existential experience of suffering and hopelessness, and thereby to question some of society’s ideals.

 

We are giving a common hybrid aesthetical space to Viktor Frankl’s survival strategies on the one hand, and to Shanghai’s derelict quarters on the other. The installation wishes to metaphorically bridge these two historical facts, while questioning our own ideals. The Installation is accompanied by a composition of sound recordings of these surroundings and by musical arrangements. The exhibition is supposed to be seen and heard from different angles. Therefore the three projections are being shown on different spatial levels and ordered in a well-specified manner. These different perspectives demand the onlooker to move around the room and interact with images and sounds of the installation. On the level of sound we perceive a virtual reality that reflects the dancer’s real surroundings, his thoughts, feelings and perceptions; especially his views of the bleakness and loneliness of his environment.